Zurück zu Perspektiven

Essay · Lesezeit ca. 3 Minuten

Was gute Beratung und gute Produkte gemeinsam haben

von Denis Zlatanović

Bevor ich angefangen habe, Wirtschaftsinformatik zu studieren und eigene digitale Konzepte zu entwickeln, habe ich eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht und in der Kundenberatung gearbeitet. Auf den ersten Blick sind das zwei verschiedene Welten: hier das persönliche Gespräch am Tisch, dort Software, die Menschen allein am Bildschirm bedienen.

Je länger ich mich mit beidem beschäftige, desto mehr glaube ich: Gute Beratung und gute Produkte folgen denselben Grundsätzen. Beide müssen verstehen, bevor sie antworten, verständlich bleiben und Vertrauen verdienen, statt es vorauszusetzen.

Zuhören, bevor man antwortet

In der Beratung zeigt sich oft, dass die erste Frage eines Menschen nicht immer die eigentliche ist. Wer nach einem bestimmten Produkt fragt, hat meistens ein Anliegen dahinter, das sich erst im Gespräch zeigt. Gute Beratung beginnt deshalb nicht mit einer Antwort, sondern mit Aufmerksamkeit.

Für Produkte gilt das genauso. Eine Anwendung, die sofort alles anbietet, was sie kann, wirkt zwar umfangreich, beantwortet aber oft nicht die Frage, mit der jemand gekommen ist. Zuhören bedeutet in der Produktgestaltung: herausfinden, in welcher Situation Menschen etwas nutzen, was sie erreichen wollen und woran sie gerade zweifeln.

Gute Fragen statt vieler Optionen

Eine der wertvollsten Fähigkeiten im Gespräch ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Nicht möglichst viele, sondern solche, die Klarheit schaffen und dem Gegenüber helfen, das eigene Anliegen zu sortieren. Eine gute Frage kann ein ganzes Gespräch strukturieren.

Digitale Produkte stellen ständig Fragen – in Formularen, Auswahlfeldern und Einstellungen. Oft sind es allerdings Fragen, die eher dem System dienen als dem Menschen. Ein Gedanke, den ich aus der Beratung mitnehme: Jede Abfrage sollte einen erkennbaren Zweck haben. Wenn nicht klar ist, warum etwas gefragt wird, entsteht Misstrauen, und Menschen brechen ab oder geben irgendetwas ein, nur um weiterzukommen.

Verständliche Sprache

Fachsprache hat ihren Platz, aber selten gegenüber Menschen, die eine Entscheidung treffen sollen. Aus der Kundenberatung nehme ich mit, wie wichtig es ist, komplizierte Zusammenhänge in klare Worte zu übersetzen, ohne sie dabei zu verfälschen. Klarheit ist dabei keine Vereinfachung, sondern eine Form von Respekt.

In Produkten zeigt sich das in Kleinigkeiten: in der Beschriftung eines Buttons, in einer Fehlermeldung, die erklärt, was passiert ist und was man jetzt tun kann, oder in einem Hinweis, der zum richtigen Zeitpunkt erscheint. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: „Vorgang fehlgeschlagen“ informiert. „Die Verbindung wurde unterbrochen – deine Eingaben sind gespeichert, versuche es gleich noch einmal“ hilft weiter.

Klare Erwartungen

Vertrauen entsteht weniger durch große Versprechen als durch erfüllte kleine. In einem Beratungsgespräch heißt das: ehrlich sagen, was möglich ist und was nicht, welche nächsten Schritte folgen und wie lange etwas dauert. Enttäuschung entsteht, so mein Eindruck, seltener durch ein Nein als durch eine Erwartung, die niemand ausgesprochen hat.

Produkte setzen ständig Erwartungen, ob gewollt oder nicht. Ein Fortschrittsbalken verspricht, dass es vorangeht. Ein „Fertig“ verspricht, dass nichts mehr fehlt. Ein automatisch formulierter Text verspricht, dass er stimmt. Gerade bei KI-gestützten Anwendungen halte ich es für wichtig, deutlich zu machen, was das System tut, wo es Grenzen hat und wann ein Mensch noch einmal prüfen sollte.

Vertrauen als Nutzerführung

In der Beratung führt man Menschen durch ein Thema, ohne ihnen die Entscheidung abzunehmen. Man ordnet, zeigt Wege auf und lässt Raum für Fragen. Gute Nutzerführung in einem Produkt funktioniert ähnlich: Sie zeigt, wo man gerade steht, was als Nächstes sinnvoll ist und wie man zurückkommt, wenn man sich anders entscheidet.

Das ist auch der Grund, warum ich glaube, dass der Hintergrund in der Kundenberatung für die Arbeit an digitalen Lösungen kein Umweg ist. Er schärft den Blick für Situationen, in denen Menschen unsicher sind, und für die Verantwortung, die man in solchen Momenten trägt.

Gute Beratung und gute Produkte haben am Ende dasselbe Ziel: dass ein Mensch sich besser orientieren kann als vorher und mit dem Gefühl weitergeht, ernst genommen worden zu sein. Technik kann dabei enorm helfen. Aber sie ersetzt nicht die Haltung dahinter – zuhören, klar sprechen und nur versprechen, was man auch halten kann.